Renate Behla Statement:
Ich zeichne in eine entleerte Welt.
Ohne jeden Hintergrund bleibt die Atmosphäre in einer schwebenden Ambivalenz. Es ist auch der Gedanke etwas Unsagbares zeigen zu wollen. In diesem intimen Prozess des inneren Umkreisens kann in der Verbindung zu einem kollektiven Bildgedächtnis etwas neues Drittes entstehen, das über das rein Persönliche hinausweist.
Der Künstler soll nicht sich, sondern ES darstellen.
Jutta Saum, Kunsthistorikerin - Düsseldorf
Renate Behla zeigt Arbeiten aus zwei zeichnerischen Serien. In ihrer Gestaltung folgt sie lyrischen Gesetzmäßigkeiten, wenn man denn überhaupt Sprache als Bezugspunkt heranziehen kann. Aber beide – Zeichnung und Poesie – lassen unmittelbare Empfindungen und Atmosphären ohne direkte Festschreibung spürbar werden. Umkreist wird eben das, was sich jeder konkreten Benennung oder naturalistischen Abbildung entzieht, ja davor sogar grundsätzlich entflieht. Aber dieses Numinose, wird, um überhaupt gedacht zu werden, geordnet, wobei die Ordnungskriterien individuell variieren. Man macht sich eine Vorstellung, ein Bild. Die Bildfläche ist frei von starren Kriterien wie Raum, Zeit und Materie, will aber gestaltet werden, im Sinne einer sichtbaren Metapher für die innere unsichtbare Suche. Rhythmus und Sinnbild, Struktur und Material sind daher eher die Stichworte, mit denen Renate Behla ein schwebender und stets ambivalenter Ausdruck für ihre Begegnung mit der Welt gelingt.
„obscure“ – undurchsichtig, dunkel, uneindeutig, zwielichtig - nennt Renate Behla dann auch bezeichnenderweise eine ihrer Serien. Das Papier behandelt sie zunächst malerisch, bearbeitet es mittels Öl zu einer sich beulenden und plastisch aufgewölbten Fläche, die sie zurückhalten farbig gestaltet. Zudem perforiert oder durchlöchert sie das Papier, verletzt es als sei es ein atmender Körper.
Der papierene Bildgrund erscheint wie die aufgespannte Haut, als Membran zwischen Innen und Außen, an der sich die Begegnung von Sinneserleben und Deutung ereignet. Renate Behlas Blätter sind eine zeichnerische Gratwanderung zwischen diesen beiden Polen. Das Innere nach außen kehren, oder das Innere und Äußere nicht trennen, beruht auf der starken Sensibilität Renate Behlas für Konträres und dem Wunsch, es dennoch zur Einheit zu führen. Geteiltes und zur Einheit Gebrachtes ist es dann auch, was die zarten Linien von Graphit und Farbe umspinnen. Partiell stofflich gestaltete Volumina, werden mit Netzstrukturen oder Geflechten umfangen.
Sind es menschliche Körper oder Figuren, dann sind sie stets in jeder Hinsicht Zwillingspaare: entweder miteinander verschmolzen im Ideal des Hermaphroditen oder als die menschliche Einheit symbolisierendes Paar. Spiegelung und Doppelung sind dabei komplementäre Spielarten.
weiterlesen „Herzkorb“ etwa, das sie schon von der Karte kennen, zeigt eine Art Büste, über die sich ein rotes Liniengewebe wie ein Kleidungsstück legt. Oder wird vielmehr eine innere Struktur sichtbar? Die rote Farbe erinnert an den Lebenssaft, der durch unsere Adern strömt, an Nervenbahnen, aber lässt auch Assoziationen zu stützenden Rippen und Brustkorb zu. Den Kopf bedeckt eine Art Wollmütze. Oder vielleicht ein offenes Gehirn? „Entweder oder“, ist hier die falsche Frage. Es geht um ein „und“ oder vielleicht ein „auch“. „Herznest“ bleibt ebenso zwischen Gürtel, Krone, Nest und Organ gefangen. Hieß es nicht gleich: Koronare? Herzkranzgefäße? Noch mal sei daran erinnert, dass Renate Behla des textilen Webens kundig ist. Und so webt sie Formen nicht nur strukturell zusammen, sondern auch durch Zeiten und Dimensionen.
Das gelingt ihr mit stark symbolhaft aufgeladenen Zeichen und Symbolen, die sich aus Mythen, Geschichten, Märchen und Philosophie speisen und oft uralt und damit reich an unterschiedlichsten Deutungen sind. Da taucht etwa der Krug als immer gültige Metapher für den Körper auf. Als Behältnis der Seele, als Uterus, aus dem neues Leben hervorgeht und als das sagenumwobene „vas hermeticum“, aber eben auch als realer Gegenstand.
Ganz nach der Regel der Poetik, kreiert Renate Behla das Zusammentreffen ohne Eindeutigkeit zu beabsichtigen. „Der Transport“ etwa, zwei löchrige Gefäße aus denen roter Saft strömt, scheint absurd, da niemals der Transport gelingt. Ein Vergänglichkeitssymbol der eigenen Art aus der Narrenkiste. Alles scheint an seidenen Fäden zu hängen und eigentümlich in der Schwebe zu verharren. Es entsteht weniger Situatives, als Atmosphärisches im Modus des Wandels und Übergangs.
Der Dimensionswechsel wird besonders spürbar in der zweiten Serie „Gebinde des Fuhrmanns“, angelegt als Reihe von fiktiven Sternenbildern. Hier vexiert der Blick zwischen den leuchtend roten Punkten des unendlichen Universums und deren interpretierenden Fixierung als temporäre Form. Gegenstände und Körper werden nur von einer feinen Umrisslinie - nichts mehr als eine endlose Reihe von Punkten - aus dem Nichts gebildet:
Zarte Gespinnste wie Netze tauchen auf, die oft gefaltet oder gerafft sind und Volumen beschreiben, aber nicht behaupten.
Renate Behla - Porträt - Gedok
Renate Behla wurde in Dresden geboren. Bereits als Kind nahm sie Zeichenunterricht in einem Arbeiterzirkel in der DDR. Die Flucht der Familie in den Westen war ein starker Bruch in ihrer jungen Biografie, der z.T. bis heute in ihren Arbeiten Ausdruck findet: Teilung – Fügung, Bindung – Riss, die Suche nach der reinen Linie.
Sie studierte an der Werkkunstschule Wuppertal im Fachbereich Grafik Design/Illustration.
Es folgten kurze Tätigkeiten in grafischen Ateliers und Werbeagenturen. In Lausanne erlernte Renate Behla das Bildweben, die Hautelisse-Technik.
Daher rührt neben den grafischen Arbeiten ihre Ambition zum Textilen und Stofflichen – den verwebten inhaltlichen Zusammenhängen. Ab 1975 arbeitet sie im eigenen Atelier als Grafik Designerin.
Gezeichnet hat sie nebenbei immer wieder; Landschaften in Frankreich, Porträt- und Aktstudien, jedoch ohne künstlerischen Anspruch und Ausdruck - wie sie es heute sieht. Das änderte sich schlagartig in den politisch aufregenden Monaten der Wendezeit - als hätte sich ein abgespaltener Teil ergänzend wieder eingefügt.
So begann erst 1990 die eigentliche künstlerische Arbeit, mit Zeichnungen von großer Intensität und auch Authentizität, von denen sie selbst überrascht war.
1991 folgte die erste Einzelausstellung in einer Dresdner Galerie, 1994 die Ausstellung „Mit Kühler Schläfe“ im Wagner-Museum Graupa/Pirna; 2001 „Inner Visions“ im Goethe-Institut Damaskus; BBK Oldenburg; FrauenMuseum Bonn; Große Kunstausstellung NRW; Installation in der Stadtkirche Karlsruhe – Internationaler Wettbewerb; CityKirche Mannheim, Große Kunstausstellung München; Gedok München „Körper“ - Städtische Galerie Rosenheim.
2006 erhielt Renate Behla auf der V. International Biennial of Drawing den Prize of the Union of Visuel Artists of the Czech Republic.
Neben ihrer künstlerischen Arbeit studiert sie an der Heine-Universität Düsseldorf als Gasthörerin Kunstgeschichte und Philosophie.